impuls 1 // 2019

PORTRÄT 9 Mehr zum Thema: www.unesco.de/ kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/ immaterielles-kulturerbe-deutschland/ bundesweites-11 »Wir möchten die Besucher animieren, den Brauch zu hinterfragen.« DANIELA SANDNER ist Museumsleiterin des Deutschen Fastnachtmuseums. ganz eigene Entstehungsgeschichte, die man im Fastnachtmuseum entdecken kann. Besonders die Fastnachtsmasken und Bräuche aus der Alpenregion machen klar: Fastnacht kann sehr grob sein. „Insbe- sondere in der Nachkriegszeit war es nicht unüblich, dass Figuren Kinder durch das Dorf jagten. Wir hatten schon häufig älte- re Besucher, die mir erzählten, dass ihre Kindheitserinnerungen an die Fastnacht eher von Angst geprägt sind“, ergänzt die Museumsleiterin. Was gehört neben Kostümen und Masken noch zur Fastnacht? Selbstverständlich Lärm! Und den haben die Narren mit Rat- schen gemacht. Die Geräte ersetzten auch während der Karwoche das Glockenläuten. Auch hierzu gibt es eine kleine Ausstellung im Museum. „Die Ratschen wurden spezi- ell in Unterfranken eigentlich genutzt, um Vögel aus den Weinbergen zu vertreiben. Die Menschen haben eben genommen, was da war“, erklärt dieWissenschaftlerin. Carnival around the world Weniger praktisch, dafür geradezu pom- pös geht es anderswo auf der Welt zu: Der Karneval in Rio de Janeiro hat mit unserem nicht viel gemein. Die europäi- schen Kolonialmächte brachten zwar den Fastnachtsbrauch mit, dieser ver- mischte sich dann aber mit den Tänzen, Rhythmen und der Kleidung der Einhei- mischen. So entstanden die typischen Kostüme. Eines davon ist auch im Deut- schen Fastnachtmuseum zu sehen: ein goldenes Kleid aus Trinidad-Tobago. Das größte Ausstellungsstück der Sammlung ist gleichzeitig das Lieblingsstück der Museumsleiterin. „Es macht einfach was her“, schmunzelt sie. Das Highlight des Museums ist aber eigentlich ein anderes: Eine Multimedia-Show erweckt einen Querschnitt verschiedener Fastnachtsfi- guren aus dem deutschsprachigen Raum zum Leben. Kreativ und bunt vermittelt sie Entstehungsgeschichte und Her- kunft. Der Besuch im Fastnachtmuseum macht schnell klar, dass Fastnacht mehr ist als Kostüme und Büttenreden. „Wenn die Leute das Museum verlassen und sich so äußern, bin ich zufrieden“, gibt die Mu- seumsleiterin zu. Die Traditionen mögen sich gewandelt haben, aber: Die Fast- nacht stiftet heute wie damals Gemein- schaft. Ob aktiver Karnevalist oder nicht – es lohnt, sich mit der Bedeutung des Brauchs auseinanderzusetzen. Schließlich zählen die schwäbisch-alemannische Fast- nacht und der rheinische Karneval nicht zufällig zumUNESCO-Weltkulturerbe. Mit Gold und Glit- zer nicht gegeizt: prächtiges Karne- valskostüm aus Trinidad-Tobago Fotos: Frank Melcher – trurnit

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